Sonntag, 17. August 2014

Das Engadinerschaf


Unsere Määäähdels kennt ihr ja. Immer wieder werde ich das ein und andere zu den Schafen gefragt. Dieser Post soll allen Interessierten Antworten liefern. (Die Bilder stammen vom letzten Winter, aber davon sind wir ja momentan wettertechnisch gar nicht so weit entfernt...)

Als wir vor knapp vier Jahren auf den Hof zogen, wurden unsere Wiesen von benachbarten Bauern temporär als Schafweiden genutzt. Bald keimte in uns der Wunsch, das Land selbst zu bewirtschaften. Als uns dann zur Hochzeit zwei Schafe geschenkt wurden, erfüllte sich der Traum schneller als gewünscht. Relativ planlos hielten wir die beiden Tiere, bis der Bock aggressiv wurde und wir die beiden Tiere als Folge davon schlachten liessen. Anschliessend hielten wir von Frühling bis Herbst Bocklämmchen, wo von Beginn weg klar war, dass wir sie im Herbst schlachten würden. (Bocklämmer müssen von ihren Müttern getrennt werden, da sie diese sonst mit eintretender Geschlechtsreife decken. Und weil ein Schafbock eine ziemlich grosse Herde mit weiblichen Tiere alleine "beglücken" kann, gelangen alljährlich Bocklämmer in den Verkauf.) Diese Schafhaltung war jedoch nicht zufriedenstellend für uns. Sie fühlte sich nicht "rund" an, war nicht nachhaltig. Um es von da an richtig zu machen, absolvierten wir einen Schafhalterkurs, wo wir uns das nötige Basiswissen aneigneten.


Heute leben drei weibliche Schafe bei uns. Nachdem sie entwöhnt wurden, sind sie letzten Herbst bei uns eingezogen. Einmal jährlich werden sie (so der Plan) Herrenbesuch erhalten und dementsprechend Lämmer bekommen, was wichtig ist für die tiergerechte Haltung und die Gesundheit der Tiere. Die drei Schafe dürfen bei uns alt werden (so ca. 10 Jahre), von den Lämmern müssen wir uns aber leider jeweils trennen. Unsere Platzverhältnisse lassen ein Wachsen der Herde nicht zu. Mit etwas Glück können wir sehr schöne Jungtiere zur Zucht weiterverkaufen, weibliche Tiere natürlich einfacher als männliche, die meisten werden wohl aber geschlachtet werden. Und dann gegessen. Mit viel Herzschmerz und dem guten Gefühl zu wissen, dass sie von der ersten bis zur letzten Minute ein glückliches Schafleben hatten.


Wir halten Engadinerschafe. Dies ist eine alte Schafrasse. Alte Rassen sind keine "Hochleistungsviecher" im herkömmlichen Sinn, die Lämmer wachsen langsamer (halt ganz normal!) als Tiere einer Fleischrasse. Auch die Milchproduktion der Auen lässt sich nicht mit der Leistung von Milchschafen vergleichen, reicht aber allemal, um die eigenen Lämmer aufzuziehen. Kurz: Die Engadinerschafe sind ganz normal Tiere, welche nicht durch profitorientierte Zucht vom Menschen "verpfuscht" wurden. Deshalb sind bei ihnen gefürchtete Klauenkrankheiten auch äusserst selten, die Tiere können in der Regel problemlos alleine gebären und sie sind nicht auf das Zuführen von energiereichem Futter (Soja, Mais etc.) angewiesen. Engadinerschafe sind also robuste Schafe, wie man sie sich als Laie vorstellt, wie sie aber erschreckenderweise in der heutigen Landwirtschaft kaum mehr vorkommen.

In der Schweiz setzt sich die Stiftung Pro Specie Rara für die kulturhistorische und genetische Vielfalt von Pflanzen und Tieren ein. In Deutschland und Österreich sind ähnliche Bewegungen unter dem Begriff "Arche" bekannt. Das Engadinerschaf ist ein Teil dieses grossen Arterhaltungsprogrammes. Allein zu denken gibt es mir, dass in der Schweiz einst 39 einheimische Schafrassen bekannt waren. Heute sind es noch deren 8, 5 davon gelten als stark gefährdet. Leserinnen aus der Schweiz kennen vielleicht beispielsweise die "exotischen" violetten Kartoffeln oder das "Einkorn-Brot", welche bei Coop, mit dem ProSpecieRara-Logo versehen, in den Regalen angeboten werden. Es versteht sich von selbst, dass diese alten Sorten nur erhalten werden können, wenn jemand sie konsumiert. Genauso verhält es sich beim Fleisch. Nur wenn sich Konsumenten finden, welche Engadinerschaffleisch essen möchten (im Gegensatz zu günstigem "Qual"-Fleisch aus Neuseeland), kann diese alte Rasse vor dem Aussterben gerettet werden. Wer mehr wissen will: Hier gibt es Infos in Hülle und Fülle.


Schafe sind genügsame Tiere. Trotzdem haben sie Bedürfnisse. Dass diese erfüllt werden, sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Am kompliziertesten erweist sich für uns das Weidemanagement. Das Land geschickt in Weideabschnitte aufzuteilen und die Tiere im richtigen Rhythmus umzusiedeln ist eine richtige Knacknuss. Sie sollten nicht zu lange in einem Abschnitt grasen und ihn anschliessend fünf Wochen nicht mehr betreten müssen. So schliesst sich der Kreislauf von Parasiten nicht, was für die Gesunderhaltung der Tiere wichtig ist. Im Frühling schiesst das Grün überall in die Höhe, und die Tiere kommen nicht nach mit Fressen. Im Spätsommer dann sieht zwar alles ordentlich grün aus, die Schafe fressen jedoch gierig das täglich angebotene Heu, sie scheinen also nicht mehr genügend nahrhaftes Futter zu finden. Und dann sollte man auch noch etwas resp. viel Heu für den Winter zur Seite legen können. Dies wiederum braucht die entsprechenden Geräte und viel Platz am Trockenen. DAS sind die schwierigen Aspekte bei der Hobbyhaltung von Schafen.


Ich bin auch schon einige Male gefragt worden, was mit der anfallenden Wolle geschieht. Das ganze Prozedere "waschen-kardieren-spinnen-stricken" ist Neuland für mich und erscheint mit ziemlich kompliziert. Ich habe mich noch nicht daran gewagt. Genial finde ich die Idee, das Vlies an einem Stück zu scheren und dann auf der Rückseite von Hand zu verfilzen. Dadurch entsteht eine Decke, die fast wie ein konventionelles Schaffell (mit Haut) aussieht. Dies hat aber leider mit der Wolle unserer Schafe nicht geklappt. Beim Scheren ist alles in feinen Flocken auseinandergefallen. Hier liegen deshalb noch ganze Berge bester Schafwolle ungenutzt herum. Also: Her mit den Ideen!

Kommentare:

  1. Hallo Frau Krähe, habe eben deinen wunderschönen Blog entdeckt und bin begeistert von deinen drei Schafen. Erst kürzlich habe ich in einem Buch etwas über die Verwendung ungesponnener Wolle gelesen. Daher gebe ich hier meinen unqualifizierten Senf ab. Du könntest:
    - Kissen damit füllen
    - eine Decke machen (die Wolle in den Überzug füllen, wie bei der Daunendecke hin und wieder absteppen. braucht noch einen Extra Bezug)
    - Puppen, Zwerge, Kuscheltiere zaubern (einfacher Zwerg hier: http://filzstuebchen.de/kathlens/zwerge.htm)
    - eine Vorform des Spinnens ist das "dochten", und man kann wohl auch aus gedochteter Wolle stricken.
    Viel Spaß und alles Liebe!

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    1. Liebe Frederike
      Ich weiss nicht, ob du hier noch einmal reinguckst, aber falls ja: Danke für deine Tipps. Füllwatte ist ja tatsächlich naheliegend und sinnvoll, das kann ich mir auch gut vorstellen. Dochten klingt spannend. Ich bleibe dran! Und: Schön, dass dir meine Schafe gefallen. Recht bald gibts wohl wieder was zu berichten von den Damen.
      Liebe Grüsse, Martina

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Ich freue mich über jeden Kommentar.
Weil dann Statistik-Zahlen zu Menschen werden.
Dank dir.