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Dienstag, 2. Februar 2016

{Stolperstein}: Vom Begrüssen


Die Frau geht vor meinem Kind in die Hocke. Freundlich lächelt sie es an.

"Grüezi Frischling (sie nennt ihn natürlich bei seinem richtigen Namen). Ich heisse Ursi. Schön, dass wir uns endlich kennenlernen. Deine Mama und ich kennen uns nämlich schon sehr lange. Früher haben wir gemeinsam ... ."

Danach richtet sie sich wieder auf, und wir plaudern einige Minuten miteinander, bevor wir uns verabschieden und alle wieder unserer Wege gehen.

______________

Diese kleine, schlichte Begrüssungsszene hallt sehr lange bei mir nach.

Beschämt stellte ich fest, dass ich mich fremden Kindern nie auf diese Art und Weise vorgestellt habe. Ich selbst war ein schüchternes Kind, und ich möchte nicht von einem fremden Kind verlangen, dass es mir die Hand geben oder sich vorstellen müsste. Dieses "Wie heisst du denn?", möglicherweise noch gefolgt von einem mehr oder weniger ehrlichen "Das ist aber ein schöner Name.", war mir schon immer unsympathisch. Deshalb hielt ich es meistens so, dass ich Kinder eher mit einem allgemeinen Winken in die Runde und einem diffusen "Hallo" begrüsse und mich dann ins Gespräch mit der erwachsenen Begleitperson vertiefe. Auf die Idee, dass ich mich den Kindern vorstellen könnte (sofern ich nicht ausdrücklich mit ihnen zu tun habe), bin ich nie gekommen.

Es hat mich sehr berührt, wie konzentriert sich diese Frau auf mein Kind eingestellt, und wie elegant und feinfühlig sie dem Kind Raum gelassen und es nicht in die "schüchterne Ecke" gedrängt hat. Gegenseitiges Vorstellen und die Verbindung kurz und einfach erklären ist ja unter Erwachsenen gang und gäbe. Bei Kindern scheinbar nicht, sonst wäre mir dieser besondere Moment nicht so aufgefallen. Ich spreche immer wieder von Gleichwürdigkeit, hier und da und überall im Erziehungskontext, und schaffe es nicht einmal, eine ritualisierte und einfache Szene wie eine Begrüssung entsprechend zu gestalten.

Wie macht ihr das so?

Danke liebe Ursi für den Stolperstein und Augenöffner!

Mittwoch, 4. November 2015

Hauptsache gesund? {Stolperstein}


„Es ist gesund!“ flüstert sie, nachdem sie die sehnlichst erwartete Mail ihrer Ärztin gelesen hat. Die Anspannung der letzten Tage löst sich, einige Freudentränen kullern. Ich freue mich mit. Wie schön, dass sie jetzt guter Hoffnung sein darf.

Aber die Worte, die sie gewählt hat, klingen noch lange nach bei mir. Das Kind hat weder Trisomie 13, 18 noch 21, soviel ist jetzt sicher. Es wurde aber nicht untersucht, ob es mit einer anderen genetisch bedingten Krankheit oder Besonderheit leben wird. Noch weniger sicher ist, ob dieser (vermutlich) gesunde Embryo dereinst auch ein gesundes Baby sein wird. Es liegen noch einige Monate Schwangerschaft vor Mutter und Kind, sensible Entwicklungsschritte stehen bevor. Auch während der Geburt können dem Kind irrepareable Schäden zugefügt werden. Und dann fängt das Leben mit all seinen Gefahren erst an. Unfälle und Erkrankungen können das Kind und seine individuellen Bedürfnisse stark verändern. Es ist nicht eine Besonderheit, wenn einem Kind früher oder später etwas Derartiges widerfährt, vielmehr ist es aussergewöhnlich, wenn es ohne „Schreckmomente“ durch die Kindheit kommt. Zum Glück laufen die meisten Unfälle und Erkrankungen (hier bei uns wenigstens mit unseren medizinischen Standards) glimpflich ab. Das Kind wird sowenig gesund bleiben, wie wir selbst es sind. Wir alle haben körperliche Schwachstellen, die einen sind nur schwach ausgeprägt und problemlos in den Alltag integrierbar, andere von grösserem Ausmass, welche mehr Aufmerksamkeit, vielleicht sogar Einschränkung bedeuten.

Das „gesunde Kind“, ja der „gesunde Mensch“ ist ein unerreichbares Ideal. Und immer wieder irritert es mich, wie die verschiedenen Formen und Ausprägungen von Normabweichungen gewichtet werden. Vielen Eltern erscheint es undenkbar, ein Kind mit einer geistigen Beeinträchtigung zu begleiten. Ob sie die Kraft für die Betreuung eines Diabetiker-Kindes, eines blinden Kindes oder eines mit schwerer Neurodermitis haben, stellen sie sich nicht (weil sie gar nicht danach "gefragt" werden).

Immer wieder beobachte ich, dass werdende Eltern Sicherheit wollen, wo es keine Sicherheit gibt. Sätze wie „Ein behindertes Kind kommt für uns nicht in Frage“ oder „Wir haben ein Recht zu entscheiden, ob wir ein behindertes Kind wollen“ irritieren mich sehr. Dieses Denken kann man sich während der Schwangerschaft noch leisten. Danach greift diese Einstellung nicht mehr. Schliesslich gibt es keinen mitgelieferten Garantieschein, mit welchem man das „erworbene Produkt“, sollte es „Mängel“ aufweisen, retournieren oder austauschen könnte.

Ich weiss nicht, welches (Vor-)Wissen sinnvoll ist und welches nicht. Es gibt gute Gründe, genauer überprüfen zu wollen oder zu müssen, wer da vielleicht unterwegs ist zu einem, so wie es auch gute Gründe gibt, genau das nicht wissen zu wollen. Nur etwas ist meiner Meinung nach tatsächlich falsch: das Überprüfen ganz weniger Besonderheiten mit dem Aufdecken aller überraschenden Möglichkeiten zu verwechseln.

Kinder sind immer ganz anders, als wir es uns in unseren kühnsten Träumen ausgemalt hatten. Manchmal etwas mehr, manchmal etwas weniger.

°

Ein Post über so ein komplexes Thema kann nie allen Eventualitäten und Einwänden gerecht werden. Das Thema liegt mir aber aus verschiedenen Gründen sehr am Herzen, deshalb wage ich die Veröffentlichung dieser Gedanken.

Folgende Blogs lese ich sehr gerne. Sie überraschen mich immer wieder mit Posts, welche mich sehr berühren und meine eigenen eingefahrenen Gedanken in Schwung bringen:

kaiserinnenreich (zum Einstieg z.B. hier oder hier)


Das Rotkehlchen hat auch etwas verwechselt. Nämlich sein eigenes Spiegelbild mit einem Konkurrenten. Während zwei Tagen flog es seine Angriffe auf die Scheibe unseres Wohnzimmerfensters. Die Spuren zeigen (das Bild ist nur ein kleiner Ausschnitt des ganzen Fensters) das Ausmass seiner Fehleinschätzung: hunderte kleine Abdrücke seines wohl leicht fettigen Schnabels oder seiner Krallen.










Samstag, 11. April 2015

#regrettingmotherhood : Senfkörner


Er wird heiss diskutiert in den Blogs, dieser Artikel. Herausragend äussert sich aufzehenspitzen. Ambivalenz kennen wir wohl alle. Aber darum geht es nicht in dem Bericht.

Ich kenne mehrere Frauen, welche keine Kinder wollen. Niemals. Aus verschiedenen Gründen nicht. Ihnen wird gewöhnlich wenig Verständnis entgegengebracht. Als "karrieregeil" oder "egoistisch" werden sie betitelt, "bindungsgestört" und ähnliches fällt schon auch mal. Und immer wieder müssen sie hören, dass sie ihre Entscheidung sicherlich im Alter bereuen würden.

Ich verneige mich voller Hochachtung vor diesen Frauen. Nicht wegen ihrer Entscheidung. Die ist mir so egal wie die Entscheidung für die Mutterschaft. Sondern vor ihrer Fähigkeit, auf ihre eigene innere Stimme zu hören. Die oft und immer wieder arg angegriffen wird. Diffus, unterschwellig, aber auch ganz brutal, direkt und gnadenlos. Es braucht Kraft und Mut, unter solchen Bedingungen auf diese Stimme zu hören. Aber es geht um die Integrität dieser Frauen, um nichts weniger. Besonders schwierig wird es für sie, wenn der Partner sich Kinder wünscht. Persönlich kenne ich eine Frau, welche noch rund 30 Jahre nach der Zeit, in welcher sich bei ihr die Kinderfrage gestellt hatte, unendlich dankbar ist, gegenüber ihrem Mann diesbezüglich standhaft geblieben zu sein. Und eine, welche bereut, dass sie nachgegeben und ein Kind bekommen hat.

Ob die bereuenden Mütter des Artikels sich wohl je einmal sehnlichst Kinder gewünscht hatten und dann erschreckt feststellen mussten, dass ihre Vorstellungen und die Realität auseinanderklafften? Oder handelt es sich vielleicht um Frauen, welche dieses leise Unwohlsein im Bezug auf eigene Kinder schon vorher gespürt hatten, dieses aber nicht fassen oder "verteidigen" konnten? Ich weiss es nicht.

Aber ich weiss, dass ich jeder Frau, welche sich getraut, ihre Mutterschafts-Irritation oder sogar -Abneigung (was nicht heisst, dass sie Kinder oder andere Mütter doof finden, auch das fiese Zuschreibungen, an welcher diese Frauen leiden), freundschaftlich die Hand reiche. Damit ihre innere Stimme stark bleiben kann.

(Gebe ich hier jetzt tatsächlich meinen Senf zu einem tagesaktuellen Thema??? Also Sachen gibts...)

Dienstag, 2. September 2014

Stolperstein: Achtsamkeit


Ohne Achtsamkeit beachte ich alles. (Robert Walser)

Achtsamkeit ist ja im Moment in aller Munde. Als ich wieder einmal etwas (zugegebenermassen ganz gescheites) darüber gelesen hatte, startete ich sofort den Selbstversuch. Zwar war gerade kein immer wieder zitiertes Glas Wasser in der Nähe, welches ich bewusst und mit allen Sinnen hätte kredenzen können. Ich hatte mich nämlich ans privateste Örtchen des Hauses zurückgezogen. Ich griff also ganz bewusst zur Papierrolle, wickelte ganz achtsam etwas Papier ab,....und beim Durchreissen entlang der perforierten Linie war ich der ganzen Sache bereits so überdrüssig, dass ich das Achtsamkeits-Prozedere abbrechen musste.

Es ist ganz gut, dass wir Abläufe ohne angestrengtes, bewusstes Nachdenken ausführen können. Achtsamkeit zerstört den Fluss, die Leichtigkeit, die Eleganz unserer Tätigkeiten. Achtsamkeit fokussiert, stattdessen wünsche ich mir einen Blick bis zum Horizont und darüber hinaus. Ich wünsche Euch und mir Präsenz im Alltag, Liebe zum Tun, Schwung und Hingabe für alle anfallenden Verrichtungen. Voraussetzung dafür ist wahrscheinlich genügend Zeit. Um nicht hektisch werden und die Gedanken sieben Schritte vorauseilen lassen zu müssen. Zeit ist vielleicht viel wichtiger resp. die Voraussetzung für das Gute, was daraus folgen kann. Ob man es dann Achtsamkeit, Liebe oder Präsenz nennt, ist eigentlich egal.


Montag, 14. April 2014

Stolperstein: Geburtsvorbereitung II


Wie immer bei meinen in ganz loser Folge hingeschriebenen Stolpersteinen möchte ich betonen, dass ich andere persönliche Erlebnisse, Meinungen oder Standpunkte nicht abwerten oder kritisieren möchte. Erfahrungen sind unterschiedlich und führen zu unterschiedlichen Haltungen. Und meine eigene entspricht jeweils nur einem momentan aktuellen Gefühl oder einem Gedanken und ist selbst von Veränderungen nicht ausgeschlossen. Dogmen, Polemik, Fundamentalismus etc. liegen mir fern.

Mein letzter Stolperstein beschäftigte sich mit Geburtsvorbereitungen, wie sie mich vor der Geburt des Frischlings umtrieben. Sie betrafen vor allem meine Funktion als Frau und Mutter. Nicht nur der Frischling wurde geboren, auch ich als Mutter durfte und musste mich an diese neue Lebensaufgabe herantasten. Dieses grosse Neusortieren bleibt jetzt aus. Ich bin ja jetzt bereits Mutter.

Dieses Mal ist es das kleine Kind, welches im Zentrum meiner Gedanken zur Geburtsvorbereitung steht. Wie kann ich ihm helfen, geborgen und geschützt den Übergang in diese unsere Welt zu schaffen? Wie kann ich ihm unnötigen Schrecken ersparen? Wie schütze ich es vor der Gedankenlosigkeit unsinniger, aber routinierter Abläufe rund um Geburt und Wochenbett? Und was gehört überhaupt alles zur Geburt? Wenn von Geburt gesprochen wird, denken viele an die Stunden im Gebärzimmer. Aber ist das Ankommen in dieser Welt nicht ein viel längerer Prozess? Und wo heisst es deshalb auch in den Stunden, Tagen und Wochen nach dem "offiziellen" Geburtsmoment, entsprechend achtsam zu sein?


Wiederum dank einiger Bücher taste ich mich vor in die "Planung" von Geburt und Wochenbett. Dies ist fraglos eine Zeit, welcher ein grosser Zauber innewohnt.

Fréderick Leboyer beschreibt in seinem Buch "Geburt ohne Gewalt" (erstmals erschienen 1974) eindrücklich, wie unaufmerksam, ja brutal mit Neugeborenen umgegangen wird/wurde. Ich hoffe doch sehr, dass das Buch ziemlich überholt ist. Trotzdem leistet es (für mich jedenfalls) den immer noch wichtigen Aufruf, das Neugeborene als in seinem Fühlen und mit seinen Sinnen kompetentes, "fertiges" Wesen zu behandeln. Die oben formulierten Fragen resultieren aus diesem Ansatz.

Ein weiteres seiner Bücher, "Das Fest der Geburt", ist ganz anders gestaltet. Es entführt mit poetischen, bisweilen auch sehr amüsanten und einen dann und wann tief berührenden Texten in das Mysterium der Geburt. Leitfaden für die Texte sind Werke aus der bildenden Kunst, vorwiegend Mariendarstellungen (Verkündigung, Anbetung des Kindes, Maria mit Kind,...) aber auch grossartige Werke von Hokusai und anderen japanischen Künstlern, welche Meister waren in der Darstellung der Kraft des Wassers (ein Bild, welches Leboyer oft verwendet, um den Geburtsprozess zu verbildlichen). Ein wunderbares, inspirierendes, bildgewaltiges Buch, welches neue Bezüge schafft und in meinem Falle zwei meiner momentanen Lebenslinien miteinander verknüpft.

Nicht unerwähnt bleiben soll hier "Die Hebammensprechstunde" von Ingeborg Stadelmann, gehört das Buch doch zu den grossen Standardwerken rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Tatsächlich habe ich es aber erst jetzt gelesen. Vieles ist mir nicht neu, wurde und werde ich doch ebenfalls von einer phantastischen Hebamme begleitet. Zudem finde ich die ständige Bewerbung der eigenen Produkte im Buch äusserst penetrant. Aber Stadelmann schafft es, dass man beginnt, selbst kleinsten Dingen Aufmerksamkeit zu schenken. So bewerte ich beispielsweise jetzt das Tragen eines Käppchens bei Neugeborenen ganz neu. Oder die Farbe einer Babydecke.


Obwohl man meinem Haushalt noch nicht ansieht, dass in wenigen Wochen hier wohl ein Neugeborenes leben wird, bereite ich mich intensiv auf das Kleine vor. Am besten gelingt mir dies beim Stricken. Jeder Zentimeter des Fadens wandert durch meine Finger (und er wandert langsam!), und meine Gedanken sind währenddessen beim kleinen Kind.

Für alle Interessierten: Einmal mehr ist es eine Pebble-Weste geworden (wie schon hier und hier), gestrickt nach der wunderbar ins Deutsche übersetzten Anleitung von Bora (einmal mehr ein riesiges Danke!). Verstrickt wurde 100% Biobaumwolle von Lana Grossa: Linea Pura, Organico Print.



Mittwoch, 2. April 2014

Stolperstein: Geburtsvorbereitung I

Katsushika Hokusai, Die grosse Woge, Privatsammlung. Bild von hier

Wie immer bei meinen in ganz loser Folge hingeschriebenen Stolpersteinen möchte ich betonen, dass ich andere persönliche Erlebnisse, Meinungen oder Standpunkte nicht abwerten oder kritisieren möchte. Erfahrungen sind unterschiedlich und führen zu unterschiedlichen Haltungen. Und meine eigene entspricht jeweils nur einem momentan aktuellen Gefühl oder einem Gedanken und ist selbst von Veränderungen nicht ausgeschlossen. Dogmen, Polemik, Fundamentalismus etc. liegen mir fern.

Wir alle kennen schreckliche Geburtsberichte und Tragödien, den Segen eines oft lebensrettenden Kaiserschnittes, Vorteile von Vorsorgeuntersuchungen und ähnliches. Bitte nutzt die Kommentarfunktion nicht, mir diese anderen Möglichkeiten und Tatsachen vor Augen zu führen. Sie alle sind wahr, das weiss ich sehr gut. Aber eigentlich immer Ausnahmen. Über sie wird geredet und geschrieben. Während man leider über die komplikationslose Geburt kaum etwas hört. Obwohl sie um ein Vielfaches häufiger ist. Und allen, die noch eine Geburt vor sich haben, Mut machen und mehr dienen würde.

Bald schon werden das kleine Kind und ich, mit dem Gefährten an unserer Seite und in Begleitung einer wunderbaren Hebamme, die Geburt erleben.

Es irritiert mich, was gemeinhin unter dem Namen "Geburtsvorbereitung" zu erledigen sei. Gemäss Kurzbeschrieb (schon beim Frischling vermied ich eine Teilnahme, ich kann deshalb nicht aus eigener Erfahrung sprechen) geht es in angebotenen Kursen und Informationsanlässen vor allem um das "biologische Verständnis" einer Geburt und dann weitgehend um die Möglichkeiten der Schmerzlinderung der Mutter (PDA und ähnliches). Im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen wird das Kind grosszügig "beschallt", um mir über weite Strecken unwichtige und sowieso unveränderliche Tatsachen mitzuteilen (zB. dass das Kind lange Oberschenkel hat - ich selber bin überproportional langbeinig...), man rüstet mich ungefragt mit Eisen- und anderen Präparaten aus, untersucht mein Blut und den Urin auf alles mögliche, und das wärs dann von ärztlicher Seite. Im privaten Bereich stehen Gedanken rund um Babygarderobe und Kinderzimmerausstattung hoch im Kurs. Und damit hat es sich dann meistens. Dies alles ist ja auch nicht schlecht, aber doch einigermassen begrenzt.

Was ist mit dem Wunder der Geburt? Diesem riesigen Mysterium? Dieser Grenzerfahrung, an welcher Leben und Tod ganz ganz nahe zusammenrücken? Wer bereitet einen darauf vor? Kann man sich darauf überhaupt vorbereiten?

Ich bin dankbar und überglücklich, dass meine eigenen positiven Gefühle und Gedanken bezügl. Geburten schon vor Geburt meines ersten Kindes von der bereits oben erwähnten Hebamme aufgenommen, gefördert und vertieft werden konnten. Die damalige Geburtsvorbereitung bestand für mich im wesentlichen darin, wie ich mein Vertrauen in die Kraft und Souveränität meines Frauenkörpers erhalten und vor allem während der Geburt abrufen resp. zulassen konnte.

Giovanni Segantini, Die beiden Mütter, Galleria d'arte moderna, Mailand. Bild von hier

Eine "normale" (so es diese denn überhaupt gibt) Geburt ist wohl anstrengend, intensiv und wahrlich auch eine Grenzerfahrung. Schrecklich muss sie aber nicht unbedingt und in jedem Fall sein. Und dies meine ich nicht im Bezug auf diese lapidare Begründung "...und nachher ist sowieso alles vergessen". Ich habe mir während der Schwangerschaft mit dem Frischling einige Tierfilme angeschaut und mir vergegenwärtigt, was ich bei Tieren selbst beobachtet habe. Tiermütter ziehen sich zurück und geben dem Ereignis den Raum und die Zeit, welche benötigt wird. Die meisten Tiere können klagen, also unter Schmerzen schreien. Während der Geburt machen sie dies jedoch nicht. Sie sind ganz still (manchmal stöhnen sie), wirken konzentriert, körperlich extrem gefordert, gleichzeitig aber auch sehr gelassen. Sie schicken sich in die Situation, sind ganz Körper, selber ganz Geburt. Etwas anderes existiert nicht mehr. Sie sind bei sich und geben sich den Kräften hin.

Naja, ich habe mir damals gewünscht, mein Kind einfach gebären zu können, wie eine Kuh oder ein Schaf dies im Normalfall tun. Kraftvoll, ruhig, hingebungsvoll. Meinem Körper das Ruder überlassend, den Intellekt vertrauensvoll mehr oder weniger ausschaltend. Und diese innere Haltung war für mich damals die beste Geburtsvorbereitung und hat mir mehr geholfen als das Wissen um PDA, Wehentropf, Saugglocke, Dammschnitt und ähnliches. (Ich war aber nie naiv, uninformiert oder in irgendeiner Form mir oder dem ungeborenen Kind gegenüber fahrlässig. Ich wusste immer, dass nicht alles, resp. gar nichts in meiner Macht liegt und auch alles ganz anders kommen kann, als ich es mir so "schön" zurechtdenke. Deshalb habe auch ich mich gedanklich mit "Notfall"-Szenarien auseinandergesetzt.)

Obwohl nicht in allen Punkten zustimmend, kann ich auch das Buch "HypnoBirthing" von Marie F. Mongan empfehlen. Mongan kreist darin im Wesentlichen um die Wahrnehmung des Schmerzes. Sie behauptet, dass er entsteht, weil er erwartet wird und starke Ängste und körperliche Verkrampfungen zur Folge hat, welche ihn erst ermöglichen. Das Buch ist sehr inspirierend, sollte jedoch mit der nötigen Distanz gelesen werden. Auch die ganzen Kursempfehlungen und Übungen nach dem ersten Drittel finde ich überflüssig bis mühsam. Auch finde ich die Begriffe schlecht gewählt resp. irreführend. Selbsthypnose als Bezeichnung für das Beibehalten einer entspannten, positiven Grundhaltung ist marktschreiend und klingt wieder nach viel Arbeit, welche im Vorfeld geleistet/gelernt werden muss. Aber damit lässt sich wohl ein neuer Markt generieren (Kurse etc.). Trotzdem, das Buch verfolgt einen interessanten Ansatz und erfüllt einen mit Vorfreude und Neugierde auf die vor einem liegende Geburt.

Ich finde es wahnsinnig schade, dass mit der gängigen Vorbereitungspraxis nicht einmal der Versuch unternommen wird, Frauen (und natürlich auch die beteiligten Männer) auf die gewaltige Dimension einer Geburt einzustimmen.

Was mich jetzt, rund zwei Monate vor der Geburt meines zweiten Kindes umtreibt, würde die Länge dieses Posts sprengen. Deshalb später mehr.





Dienstag, 25. Februar 2014

Stolperstein: Werbung von Freunden


Das Vorstellen von Rezepten, DIY-Projektchen, Büchern und anderem ist ja ein essentieller Bestandteil von vielen Blogs. Ich mag diese Präsentationen sehr. Durch meine Blogauswahl entsprechen schliesslich die meisten Dinge meinem eigenen Geschmack, ich werde inspiriert und entdecke immer wieder Neues, welches genau auf mich zugeschnitten scheint. Ganz toll! Natürlich kommt man so auch immer wieder mit käuflich zu erwerbenden Produkten in Kontakt, auch daran störe ich mich nicht. Ob die werbende Person fürs Berichten bezahlt wird oder mit ihrer Begeisterung das Produkt gratis unterstützt, ist mir eigentlich nicht so wichtig. Angenehm finde ich es jedoch, wenn dies deklariert wird.

Das Marketing-Experiment mit den Morgensens (hier und hier) zeigt aber die krasse Weiterführung dieser Idee. Menschen werden von Firmen bezahlt, im Alltag bestimmte Produkte in ihrem Umfeld zu bewerben. Denn Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniert besser als jede TV- oder Plakatwerbung. Weil man den Menschen, welche man kennt, vertraut. Beziehungs- und Vertrauensnetze werden als Werbekanäle (bis jetzt zwar erst als Experiment) pervertiert.

In den Blogs geschieht ja aber eigentlich nichts anderes. Und einigermassen perfide ist, dass ich zwar glaube, die Blogschreiberinnen zu "kennen", in Wirklichkeit aber ziemlich blind durch diese virtuelle Welt mit ihren Avataren stolpere. Wie weiss ich denn, ob "Fräulein Tannenhonig" (Name frei erfunden) tatsächlich existiert? Uahhhh, das wird unheimlich, je länger ich darüber nachdenke...

Aber hey, bitte postet unbedingt weiterhin eure tollen Erlebnisse mit Büchern, Kaffeemühlen, Lippenstiften, Wollknäueln und Zeichenfedern. Das ist nur ein Stolperstein, kein Felssturz!

Mittwoch, 6. November 2013

Stolperstein: Milk & Honey III


Das Halten und vor allem Essen von Nutztieren (wobei ich diese Bezeichnung irreführend finde) wird von vielen Leuten als verwerflich betrachtet. Ausbeutung, Sklaverei, Mord,...

In loser Folge hier einige Überlegungen.

Als Nutztiere werden (Duden) Tiere bezeichnet, welche vom Menschen gezüchtet oder an ihn gewöhnt wurden, nicht frei leben und aus wirtschaftlichen Gründen gehalten werden (zB. Pferd, Kuh, Schaf, Huhn,...). Katzen und Hunde hingegen zählt man zu den Heimtieren/Haustieren.

°Mein Hund zwingt mich allein durch seine Anwesenheit zu täglichen langen Spaziergängen, welche sich wohltuend auf meine körperliche und psychische Verfassung auswirken. Was ich wohl an Krankheitskosten spare?
°Wer schon einmal ein Geschäft für Tierbedarf betreten hat, weiss, wie riesig der Markt für Hunde ist. Da wird viel, sehr viel Geld umgesetzt. Wirtschaftliche Kalkulation ohne Ende.
°Ich fühle ich mich, nicht zuletzt dank des Hundes, hier in dieser Abgeschiedenheit immer sicher und geborgen. Unbemerktes Eindringen ins Haus verunmöglicht er zuverlässig (und wenn es nur vor überschäumender Freude ist). Kann ich mir dank ihm eine tiefe Versicherungsprämie erlauben?
°Da er ein Sanitätshund ist, notabene im Ruhestand, bezahle ich für ihn keine Hundesteuer, es ist gesetzlich verankert, dass in derlei nützlicher Profession ausgebildete Tiere davon befreit sind.
°Er frisst die Mäuseköpfe, welche die Katzen überall, gerne auch in den Schuhen, deponieren. Zugegeben, wirtschaftlich ist das uninteressant, ansonsten aber umso mehr.
°Er zeigt mir das Wild, meine Grenzen und Gefühle, bevor ich sie selber wahrnehme.
°Er ist und war mir Freund und Lehrer, begleitet mich seit zehn Jahren und weiss wohl mehr von mir, als ich es selbst ahne. Mit ihm erlebe ich das Geheimnis einer uralten Freundschaft, Dankbarkeit und Verbundenheit.

Nutz- oder Haustier?



Meine kürzlich hier eingezogenen Schafe sind per Definition Nutztiere, da sie Lämmer gebären werden, welche wir weiterverkaufen oder schlachten.
°Gleichwohl werde ich sie beim Namen nennen, ihre Lieblingsstellen zum Kraulen kennenlernen, ihre unterschiedlichen Charaktere berücksichtigen lernen und ihre Eigenheiten akzeptieren.
°Ich werde unendlich viel Freizeit mit ihnen verbringen, mich um sie sorgen und mich mit ihnen freuen, ihre Geburten begleiten und dafür verantwortlich sein, dass ihr Leben ein glückliches wird.
°Was sie mich kosten werden (ich weiss, es wird ein finanzielles Verlustgeschäft), ist mir egal.
°Sie werden mich, sofern alles gut geht, rund 10 Jahre begleiten. Ich werde sie kennen und sie mich, vielleicht besser, als ich es mir vorstellen kann. Mit ihnen werde ich das Geheimnis einer uralten Freundschaft, Dankbarkeit und Verbundenheit erleben.

Nutz- oder Haustiere?


Ihr habts gemerkt, ich störe mich nicht am Begriff Nutztiere, weil ich etwas gegen das Nutzen von Fähigkeiten und Erzeugnissen von Tieren habe. Vielmehr glaube ich, dass der Mensch jedes Tier, welches er hält, als Nutztier verwendet. Ganz ehrlich, wenn mich mein Hund nicht irgendwas (was auch etwas sehr ideelles oder emotionales sein kann) nützen würde, ich glaube, dann täte ich mir das nicht an (Zeit, Geld, Verantwortung, Dreck,...). Es ist aber anzumerken, dass ich für meinen Hund wohl auch ein Nutztier bin, schliesslich ermögliche ich ihm ein angenehmes Leben. Wobei mir natürlich bewusst ist, dass ich "am längeren Hebel sitze" und verantwortungsvoll mit meiner Aufgabe umgehen sollte.

Dass wir die einen Tiere essen und die andern nicht, hat weniger mit den Tieren selbst als mit unserer kulturell-religiösen Prägung zu tun. Die einen Tiere werden gegessen, die andern kriegen Geburtstagsgeschenke, Chemotherapie und Diätprogramme. Die Einteilung lässt sich nicht rational rechtfertigen, Schönheit, Intelligenz und kreatürliche Perfektion finden sich auf beiden Seiten. Ob es den einen oder den andern dabei besser ergeht?

Vergleiche ich Äpfel mit Birnen oder sind wir nicht alle einfach Tiere?


(Wie es der Name schon sagt: Unter dem Label "Stolperstein" notiere ich Gedanken, Ungereimtheiten und Überlegungen, welche meinen Weg kreuzen und mich kurz oder etwas länger beschäftigen.)

Montag, 14. Oktober 2013

Stolperstein: Milk & Honey


Das Halten und vor allem Essen von Nutztieren (wobei ich diese Bezeichnung irreführend finde) wird von vielen Leuten als verwerflich betrachtet. Ausbeutung, Sklaverei, Mord,...

In loser Folge hier einige Überlegungen.

Ich freue mich sehr über die rege Nutzung der Kommentarfunktion bei meinem letzten Stolperstein. Wer mich ein bisschen kennt, wird wissen, dass ich Massentierhaltung genauso verurteile wie hoffentlich alle Leserinnen hier. "Tiere essen" habe ich natürlich schon längstens gelesen, dass das für unser Vieh angebaute Soja Menschen in reichen Agrarländern (z.B. Brasilien) verhungern lässt, weiss ich, und dass bewusster, aufgeklärter Konsum (biologisch, regional, saisonal,...) eine Selbstverständlichkeit sein sollte, darüber mag ich schon gar nicht mehr diskutieren.

Mich interessiert im Moment wirklich vielmehr dieses Rumstolpern, ein bisschen philosophisch, ein bisschen provokativ, und auch ein bisschen ungewohnt. Mit Fragen, die ganz praktisch und direkt mit meinem eigenen Leben zu tun haben. Mit Fragen, welche mich selbst tief berühren, da ich eng mit Tieren zusammenlebe, sie sehr liebe. Und einige von ihnen esse. Ja, tatsächlich, schmusen und fressen (in Anlehnung an einen Kommentar des letzten Stolpersteins). Ich freue mich auf Euer Mitstolpern.

Weil Euch das Bild mit der Kuh im Morgennebel so gefallen hat, bleibe ich bei diesem Bild-Thema. Ein paar Aufnahmen hab ich nämlich noch von jenem magischen Novembermorgen 2011. Also, weiter geht's:


Wohin mit dem ständig wachsenden Gras der Wiese?

Woher die Nahrung (Dünger) für die Pflanzen im Gemüsegarten?
(Welche wohl ein bisschen mehr als Mulch benötigen, ansonsten wäre die oben gestellte Frage ja bereits beantwortet.)

°Antwort A: Keine Ahnung. Grünabfuhr und Supermarkt...?
°Antwort B: Schaf. Direkt weiter zu Frage 3:

Wohin mit dem Nachwuchs eines Schafes? (Robuste und fruchtbare Zuchtauen können so in 8 Nutzungsjahren beeindruckende Lebensleistungen von bis zu 24 Lämmern erreichen.)


(Wie es der Name schon sagt: Unter dem Label "Stolperstein" notiere ich Gedanken, Ungereimtheiten und Überlegungen, welche meinen Weg kreuzen und mich kurz oder etwas länger beschäftigen.)

Freitag, 11. Oktober 2013

Stolperstein: Milk & Honey


Das Halten und vor allem Essen von Nutztieren (wobei ich diese Bezeichnung irreführend finde) wird von vielen Leuten als verwerflich betrachtet. Ausbeutung, Sklaverei, Mord,...

In loser Folge hier einige Überlegungen.

Was geschähe mit all den Tieren, wenn der Mensch kein Interesse mehr an ihnen/ihren Erzeugnissen hätte? Würde er sie noch halten und pflegen? Falls nein, würden sie aussterben? Welcher Verlust wäre dies für den Menschen nebst dem Verzicht der eigentlichen Erzeugnisse?

(Wie es der Name schon sagt: Unter dem Label "Stolperstein" notiere ich Gedanken, Ungereimtheiten und Überlegungen, welche meinen Weg kreuzen und mich kurz oder etwas länger beschäftigen.)




Donnerstag, 26. September 2013

Stolperstein: Entweder man lebt,



...oder man ist konsequent. (Erich Kästner)

Ich wundere mich immer wieder sehr.

Konsequenzen werden als eine sehr wichtige Sache im Umgang mit Kindern angesehen. Aber meinen die Erwachsenen wirklich Konsequenz? Oft handelt es sich bei genauer Betrachtung vielmehr um Regeln, oder wenn diese nicht eingehalten werden, um Strafen, welche beide, als Konsequenz getarnt, angewendet werden. Erste sind immer von der regierenden Macht abhängig, somit sehr subjektiv und dadurch zu hinterfragen. Zweite sind selten bis nie erfolgversprechend.

Echte Konsequenzen hingegen werden Kindern oft vorenthalten. Statt beispielsweise auf die Souveränität und angemessene Reaktion einer kompetenten Katze zu vertrauen, wird ein kleiner Grobian mit Erklärungen, Verboten und Befehlen überhäuft. Viele Erlebnisse werden verhindert, als handle es sich um lebensbedrohliche Situationen.

Ebenso eigenartig ist, dass die Erwachsenen zwar Konsequenzen im Umgang mit Kindern für essentiell halten, selber aber überhaupt nicht konsequent sind. Noch ein bisschen Schokolade zum Kaffee? Zehn Minuten länger im Bett liegen bleiben? Heute mal aufs Staubsaugen/Aufräumen/Abschminken/Schuhe ausziehen/...(bitte beliebige Tätigkeit einfügen) verzichten? Noch ein wenig länger als geplant fremde Blogs besuchen? Bitte sehr. Ja, gerne. Nur heute. Nur jetzt. Und wir leben alle hervorragend damit. Inkonsequenz begleitet und auf Schritt und Tritt. Und tut uns meistens sehr gut.

Viel Spass Euch und Euren Kindern. Das Leben ist schön. Geniesst es und Euch!

(Wie es der Name schon sagt: Unter dem Label "Stolperstein" notiere ich Gedanken, Ungereimtheiten und Überlegungen, welche meinen Weg kreuzen und mich kurz oder etwas länger beschäftigen.)
Ich freue mich über jeden Kommentar.
Weil dann Statistik-Zahlen zu Menschen werden.
Dank dir.