Montag, 13. Juli 2015

schönes Scheitern


Wir geniessen die grossen Ferien. Endlich haben wir die Zeit, uns richtig dem Hof zu widmen.

Das Formalinbad und das neue Stallkonzept (Tiefstreu nur noch in der "Ruheecke", ansonsten täglich gereinigte Betonplatten) haben sich bewährt. Bis auf Vaclav sind alle Schafe gut zu Fuss unterwegs. Er kriegt ein zweites Klauenbad. 



Aloisia ist vor rund zwei Wochen gestorben. Als ich sie hingesetzt habe, um ihr die Klauen zu schneiden, ist sie bewusstlos geworden. Zwar hat sie sich danach wieder etwas erholt, jedoch noch eine Stunde später sehr schwer geatmet. Wir haben beschlossen, es zu beenden. Als wir sie dann kurze Zeit später von der Weide holen wollten, war sie jedoch bereits tot. 

Da sie ja den Schiefhals-Defekt aufwies, übergaben wir sie zu Forschungszwecken den Tierärztinnen vom Genetik-Institut, welche bereits zuvor schon von allen involvierten Tieren Blutproben genommen hatten. CT, MRI und anatomische Untersuchung ergaben, dass das Lamm zusätzlich zum schiefen Hals und der mangelhaft ausgebildeten Muskulatur der "Schluck-Mechanik" eine nicht voll funktionsfähige Lunge und einen Herzfehler (Ductus botalli persistens) hatte. Auch waren die Lymphknoten blutig verfärbt und im Herzbeutel befand sich Flüssigkeit. Es erstaunt nicht mehr, dass das Lamm so kümmerte, vielmehr ist es erstaunlich, dass es so lange gelebt hat. Und da wir ja da massgeblich unsere Finger mit im Spiel hatten, müssen wir uns die Frage stellen, ob es nicht vielleicht sogar zu lange gelebt hat.

Es ist schön, jetzt den Stall zu betreten und drei freundlichen Auen und ihren gedeihenden Lämmern zu begegnen. Der Anblick der kleinen Aloisia, welche jeweils nur in der dunkelsten, feuchtesten Ecke geduldet wurde und dort alleine lag, während die anderen sich zusammenkuschelten, war schwer auszuhalten. Auch ihr Schreien und die Versuche, uns nachzusteigen, wenn wir den Stall verliessen, tat mir im Herz weh. Die natürliche Ordnung ist wieder hergestellt. Und wir sind ernüchtert, erfahrener und um einiges gereifter.


Die Henne und ihr Küken hat einen aufgerüsteten Auslauf bekommen. Ein hoher Zaun, kombiniert mit dem bisherigen Elektrozaun, soll den Fuchs abhalten, das blaue Netz die Feinde aus der Luft. Ästhetisch ist anders. Und Alcatraz-Verhältnisse mag ich grundsätzlich nicht. Aber für den Moment ist dies die beste Lösung.


Schulschluss, Fuchs und Stress im Stall. Dazu zwei Kleinkinder, welche mich ganz schön auf Trab hielten und halten. Da blieb keine Zeit mehr für den Garten. Zwar hatten wir auch dieses Jahr wieder einiges gepflanzt. Aber ohne Pflege kam es, wie es kommen musste. Der Garten ist kaum mehr als solcher zu erkennen, das Blumenbeet verdient seinen Namen nicht mehr und auch unser Eingangsbereich sieht alles andere als einladend aus.





Nach radikalem Ausjäten von drei Beeten (zwei weitere warten noch) findet sich doch noch das eine und andere Gemüse. In die freien Stellen habe ich jetzt zweckoptimistisch Buschbohnen, Spinat, Kamille und Staudensalbei gesät. Und schaut selbst. Wenn man gewillt ist, findet man sie überall, die Schönheit der Natur, die Kraft des Wachsens und Werdens, die Leichtigkeit der zahlreichen Gäste.






Und auch wenn es manchmal fast zum Verzweifeln ist, all diese Arbeit und dieses Hinterherhinken, so weiss ich doch auch, dass hier eigentlich alles rund läuft und ich unendlich dankbar für alles bin. Immer und immer wieder sind meine Gedanken bei all jenen, welche wirkliche Tragödien und Schicksalsschläge erleben und bewältigen müssen diese Tage.

Kommentare:

  1. Liebe Frau Krähe,
    es tut so gut, Deine so ehrlichen und damit für mich auch sehr lebensnahen Beiträge zu lesen!
    Gute Freunde von uns haben auch Schafe, die Anfang diesen Jahres das erste Mal Lämmer bekamen. Zusätzlich zogen sie 2 weitere Flaschenkinder auf und haben dabei ansatzweise ähnliche Erfahrungen machen müssen, wie Ihr. Freude und Trauer liegen oft so nah beieinander...

    Viele Grüße von
    Helga

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  2. ich bin der festen überzeugung, dass dankbarkeit eines der allerwichtigsten utensilien für zufriedenheit ist; und es einer guten fokussierungskraft bedarf, um sich ihrer zu erinnern, wenn dinge nicht nur lusterfüllt sind, sondern auch wirklich anstrengend, aufreibend, zehrend. das einnehmen einer anderen perspektive kann da schon sehr viel beitragen und ich denke, deine bilder allein tun das :: als außenstehende sehe ich nicht die arbeit, sondern das paradiesische darin. das ist natürlich leicht; gut, dass dein text die verklärung ein wenig lockert. der blick über das eigene nicht nur gute und schöne hinaus relativiert sowieso um welten – und es tun sich große räume auf, aus denen liebe gedanken entspringen können. ich weiß nicht, wie es gehen kann, aber ich hoffe, dass irgendwas von der zusammengetragenen energie ankommt und irgendwie etwas tun kann wie helfen.

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  3. Dein Post macht mich sehr nachdenklich. Die anderen Schafe haben die kleine Aloisia von Anfang an nicht akzeotiert. Wie grausam. Auch mir piekst es dabei im Herzen. Aber sie war krank und die Schafe wussten das. Die Natur scheint da rigoros zu selektieren. Grausam, aber gut? Ich weiß es nicht.
    Wie kommt es, dass das Schaf so krank war?
    Interessant finde ich auch, dass das Konzept nackte Betonplatten im Stall tatsächlich sehr sinnvoll ist. Fand ich bis jetzt immer äußerst ungemütlich. Schön, dass eure Schafe zusätzlich noch eine Ruheecke mit Streu haben.
    Alles Gute und liebe Grüße,
    Kathrin

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  4. Ein ehrlicher und realistischer Beitrag übers Landleben... Ich kenne das alles nur zu gut. Und Deine Einstellung dazu ist genau richtig, Nach 20 Jahren Landleben mit Kindern, Tieren und Pflanzen und dem permantenten Gefühl, allen erforderlichkeiten hinterherzuhinken, ist es für mich das Schönste gewesen, als meine Tochter in ihrem Blog schrieb, sie hätte eine wunderschöne Kindheit gehabt.
    Ich wünsche Dir schöne Ferein und viel Zeit für alles was Dir wichtig ist. Lg Gitta

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Ich freue mich über jeden Kommentar.
Weil dann Statistik-Zahlen zu Menschen werden.
Dank dir.