Sonntag, 19. Juli 2015

Vom Trösten {Alpha}

zu "Alpha": Diese Rubrik dreht sich im weitesten Sinne um das, was man "Kindererziehung" nennt. Ich versuche, dabei jeweils einen Bezug herzustellen zwischen meinen Erlebnissen mit Tieren (besonders mit dem Hund) und meinen Erfahrungen als Mutter. Weder möchte ich Kinder auf die Stufe von Hunden, noch Hunde auf die Stufe von Kindern stellen. Keinesfalls sollten Kinder wie Hunde dressiert werden. Vielleicht sollte man aber auch Hunde nicht wie Hunde dressieren. Doch das ist wieder ein anderes Thema... 




Die Welpenbande tollt durch das Schilf. Fröhlich und ausgelassen geht es zu und her an diesem Sommertag im Jahr 2004, als sich die Hundegeschwister erstmals nach ihrer Platzierung wieder zu einem gemeinsamen Spaziergang treffen. Plötzlich aber kippt die Stimmung, als die drolligen Geschwister an einer sumpfigen Stelle nicht weiterkommen. Schwimmen geht nicht, aber auch fester Grund ist nicht mehr erreichbar. Erschrockene Gesichter, hektische Bewegungen, panisches Rudern. Schnell erfasst die Züchterin die Situation, steigt selbst in die Brühe und bugsiert die Jungspunde schnell und ganz ruhig zurück ans feste Ufer. Sie ist es auch, die kurz darauf die Kleinen an eine klare Wasserstelle mit guten Ein- und Ausstiegsmöglichkeiten lockt. Bald tollen alle Welpen vergnügt durch das Wasser.

Alle bis auf einen. Seine Besitzer, ein junges, reizendes Pärchen, haben ihren verschreckten Welpen nach dem unfreiwilligen Schlammbad "aus dem Verkehr gezogen". Streichelnd und sanft auf ihn einredend, trösten die beiden das schlotternde Tier. Es beruhigt sich nicht, verlässt für die nächsten Stunden den Schoss der Frau nicht mehr. Je mehr der Welpe getröstet wird, desto gequälter wird seine Körperhaltung. "Der Schreck sitzt sehr tief", verteidigt ihn der junge Mann. Der Hund wird die nächsten Jahre Wasser meiden. Seine Besitzer führen dies auf die traumatische Episode zurück. Dass die sieben Geschwister des Tieres das Wasser lieben, macht sie nicht stutzig.


Es ist richtig, dass wir Kinder trösten. Wie gut, dass sich endlich herumgesprochen hat (so hoffe ich doch!), dass gerade auch Jungen weinen dürfen und sollen, wenn sie körperliche oder seelische Schmerzen erleben, wenn sie müde, frustriert oder einfach verunsichert sind. Trost können wir alle bisweilen gut gebrauchen. In Form eines lieben Wortes, einer Berührung, einer Umarmung, oder dann und wann sogar in Form einer Reihe Schokolade. Im Zusammenleben mit Kindern spendet man täglich Trost. Ich nehme in den Arm, puste einen Schmerz weg, gebe tröstende, beschwichtigende Erklärungen oder lasse dann und wann winzige, mit Zucker ummantelte Fenchelsamen als "Zaubermedizin" springen. Weinen ist nie dumm, lächerlich oder nicht angebracht. Über den Grund kann ich mich als Erwachsene vielleicht bisweilen wundern, aber die Gefühle meiner Kinder nehme ich ernst.


Aber manchmal, manchmal ist Frau Krähe eine Rabenmutter. Wenn Kinder hinfallen, stürzt oft ein Erwachsener zu ihnen hin, zieht sie hoch und startet das "Trösterprogramm", noch bevor das Kind überhaupt weint. Ebenfalls beliebt ist das Liefern einer zusätzlichen Tonspur. Während das Kind stolpert, schreit ein Erwachsener ein erschrockenes "Sakrakruzifix" (oder so), reisst Augen auf und Arme hoch. Alles so laut und furchteinflössend, dass das betroffene Kind mit ziemlicher Sicherheit zu weinen anfängt. Frau Krähe bleibt ganz ruhig in solchen Augenblicken. Passivität und Desinteresse werden ihr vorgeworfen. Nichts davon ist wahr.

Braucht mich das Kind überhaupt, oder wird es alleine mit der Situation fertig? Oft rappelt sich der Frischling nämlich auf, wischt sich die Hände an den Hosen ab und düst weiter. Auf mein "Brauchst du mich?" nach einem Sturz folgt erstaunlich oft nach einem Blick des Frischlings auf seine Handflächen ein wohlüberlegtes Nein. Das Kind weint nicht nicht, weil das Weinen geringgeschätzt würde oder es nicht mit Trost rechnen kann, sondern weil es schlichtweg nicht nötig ist. Auch bin ich froh, wenn das Kind, so es sich denn wehgetan hat und weint, zu mir kommt und nicht ich zu ihm hingehen muss. Ich kann mir in diesen wertvollen Sekunden nämlich bereits einen Überblick verschaffen. Hinkt das Kind? Blutet es? Wohin fasst es instinktiv, weil es Schmerzen verspürt? Das hilft oft mehr, als ein schreiendes Kleinkind zu fragen, wo es weh tut. Und natürlich eile auch ich zu ihm hin und nehme es in meine Arme, wenn Schreck oder Schmerz für das Kind zu gross sind, als dass es sich alleine aufrappeln kann.

Der Frischling soll erleben, dass es für Heilung nicht immer Hilfe von aussen braucht. Ich unterstütze mein Kind, kleinere Blessuren selbst zu behandeln. Es soll helfen beim Bepusten von schmerzenden Körperstellen, oder dies ganz übernehmen. Heftpflaster führen wir nie mit. Kleine Wunden werden daheim desinfiziert, das Pumpspray kann der Frischling selbst bedienen. Letzthin hat
ein befreundeter, gleichaltriger Junge des Frischlings aufgeschlagenes, bereits etwas verschorftes Knie begutachtet. "Da muss ein Pflaster drauf", hat der Dreikäsehoch gemurmelt, worauf der Frischling stolz geantwortet hat: "Nein, nein, meine Haut kann das selbst reparieren." Es freute mich zu hören, dass er diesen schon oft von uns gehörten Satz verinnerlicht hatte. Und begeistert hat er angefügt: "Und erst noch ganz ohne Werkzeug!" Selbstwirksamkeit vom Feinsten. Und die Augen des kleinen Freundes glänzten anerkennend und beeindruckt ob dieser vorhandenen Superkräfte.

Es ist mir wichtig, mit Blut entspannt umzugehen. Sofern Blut nicht gerade literweise austritt, ist es schliesslich eine geniale Reinigungsflüssigkeit jeder kleinen(!) Wunde. Schmutz wird ausgespült und durch die Gerinnung wird die Wunde verschlossen. Es mag für manche von euch als weit hergeholt klingen, aber gerade für Mädchen finde ich es enorm wichtig, Blut ganz von Beginn weg positiv zu besetzen. Denn wie soll ein Mädchen später mit eintretender Menarche ein positives Bild von den sich abspielenden Vorgängen erhalten, wenn bis anhin während seiner gesamten Kindheit Blut immer von Schrecken, Angst und Desinfektionshysterie begleitet wurde?


Was mich immer wieder irritiert, ist die Beobachtung, dass die meisten Eltern sehr viel offensiver trösten als ich es tue, wenn es sich um kleine Verletzungen handelt (wenn Kleinkinder hinfallen, sich den Kopf stossen, den Finger einklemmen etc.), jedoch ganz aufs Trösten verzichten, wenn es ernst wird. Wenn also das Kind schreiend angelaufen kommt und beispielsweise aus dem Mund oder einer Wunde am Kopf blutet. Dann muss sofort die Verletzung untersucht werden, das Kind wird angeherrscht, stillzuhalten. Aufgelöst muss entschieden werden, ob man zum Notarzt oder ins Spital fahren soll. Sofern die Verletzung nicht lebensbedrohlich ist (und das ist sie wohl tatsächlich äusserst selten), meine ich, dass es auf die Dauer einer langen Umarmung nicht ankommt. Der Zahn ist eh draussen, die Platzwunde an der Stirn verschlimmert sich während der Zeit des Tröstens auch nicht weiter. Für das Kind wäre aber der Trost in einer solchen Situation enorm wichtig. Wie beruhigend, wenn einen einfach jemand ruhig in den Arm nehmen könnte, wenn gerade die Welt zusammenzustürzen drohte. Damit wäre man dem Kind eine echte Hilfe, anstatt es weiter zu verunsichern, weil man selbst von der Situation überfordert ist. Und wieviel einfacher wäre es anschliessend, nach ein paar tiefen Atemzügen, mit einem klaren Kopf und einem wieder einigermassen gefassten Kind, die weiteren Schritte ins Auge zu fassen.

Die Sache des "wohldosierten Tröstens" hat nur einen Haken, der aber eigentlich keiner ist: Wir lieben unsere Kinder. Seit dem Tag ihrer Geburt (oder noch länger) leben wir mit der Angst, dass ihnen etwas zustossen könnte. Sie sind uns anvertraut, und ihr Wohlergehen ist zentral für uns. Wir können und müssen nicht professionell und "richtig" handeln, wenn ihre Unversehrtheit angegriffen wird. Aber wir können uns darin üben, immer und immer wieder, unsere Kinder liebevoll zu begleiten, sie nicht unangemessen abhängig von uns zu machen, sondern vielmehr ihr Vertrauen in ihren eigenen Körper, in ihre Wahrnehmung und in ihre eigenen Gefühle zu stärken.

Und wie habt ihrs so mit dem Trösten?


Die Bilder stammen von einem wunderbaren Tagesausflug 2009 in den Alpstein. Die beiden Seeungeheuer schwimmen im Seealpsee.

Kommentare:

  1. Liebe Frau Krähe, das ist ein ganz wunderbarer Post. So klug. Das Beispiel mit den Hundewelpen ist so eindrücklich, dass es bestimmt haften bleiben wird. Ein solches Verhalten macht Kinder stark. Bei deinem vorletzten Aspekt - bei größeren Sachen nicht in Panik geraten, sondern auch erst einmal trösten - kann ich mir eine Scheibe abschneiden. Allein bei Zahnausfall weiß ich nicht, wie eilig es ist. Wertvoll finde ich auch deinen Gedanken zu Mädchen und Blut. Vielen Dank für diesen tollen Beitrag und übrigens ... gestern Abend hat mein Mann deinen Zettel aus der Schüssel gezogen: du hast bei mir gewonnen!!! Herzlichen Glückwunsch! Sendest du mir deine Adresse! Viele liebe Grüße, Uta

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  2. Liebe Martina. Umgekehrt ist es tatsächlich so, dass menschliche "Hundemütter" mit den kleinsten Blessuren ihrer Vierbeiner zum Tierarzt rennen, so dass diese verbunden und vermediziniert werden. Dabei hätte uns die Natur wunderbare Selbstheilkräfte mit auf den Weg gegeben. Aber ein natürlicher Umgang mit Verletzung, Altern oder gar dem Tod ist vielen Menschen abhanden gekommen, was nicht heisst, dass Anteilnahme am Schicksal nicht stattfinden soll. Liebe Gruess Kathrin

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  3. so gut gedacht und beschrieben. ich handhabe das ganz genau gleich wie du. sie sind so cool im wegstecken, die zwerge. einzig: manchmal passiert mir im schreck die sache mit der zweiten tonspur, in form eines undefinierbaren erschrecklautes allerdings. daran muss ich noch feilen. find ich nämlich immer blöd und unpassend.
    und zum umarmen, wenn wirklich was gröberes passiert ist: ich habe immer das gefühl gehabt, es tut uns beiden so gut, dem kind und mir, damit wir uns erst einmal beruhigen, ja, fast schon darauf vorbereiten können auf das, was wir dann gleich mal gemeinsam genauer inspizieren werden.

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  4. Ähnlich. Wobei ich bei schlimmen Verletzungen mit viel Blut auch schon mal überreagiert habe, weil mir der Schreck und die Angst in die Glieder gefahren sind.
    Aufgewachsen mit einer hypochondrischen Oma und ebensolchen Mutter, die jede hypothetisch mögliche Krankheit als Druckmittel und jeden blauen Fleck zur Aufmerksamkeitserpressung eigesetzt haben, bin ich auch eher ein abwartender Tröster was Unfälle angeht - um Verletzungen nicht überzubewerten, so dass sich dieses Muster nicht weiter vortsetzt. Meinen Unfällen und meinem Gesundheitszustand als Kind wurde keine große Beachtung geschenkt, ich wurde verarztet und gut und obwohl ich das als Kind oft selbst als lieblos empfunden habe, bin ich heute deshalb auch nicht wehleidig, gehe nicht mit Krankheiten hausieren und versuche darüber keine Aufmerksamkeit zu erpressen.
    Wenn mein Sohn sich verletzt, nehme ich ihn in den Arm, frage nach, ob er mich und/oder ein Pflaster/Arnikasalbe braucht und das reicht oft schon.
    Gleiches setzt sich übrigens auch in anderen Bereichen fort und auch dort finde ich es wichtig, Dinge nicht überzubewerten und sich nicht zwingend immer einzumischen und Lösungen aufzudrängen, sondern Kinder dazu anzuhalten, selbst Lösungen zu suchen und Dinge selbst zu regeln - Streit mit Freunden, Ärger über einen Lehrer, der Wunsch nach einer Sache, etc. "Brauchst du mich?" ist eien Frage, die mit zunehmendem Alter immer wichtiger wird - und die viel mt dem Selbständigwerden zu tun hat.

    Herzlich, Katja

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  5. Liebe Frau Krähe,
    das ist ein ganz wunderbarer Artikel. Ich handhabe es ganz genauso, nachdem mir ganz zu Beginn des Mamaseins jemand sagte, dass die Kinder oft nur weinen, weil sich die Eltern erschrecken. Auch das Umfeld hat dies schnell akzeptiert und so bin ich froh, dass unsere Kinder so "robust" sind. Große Verletzungen hatten wir bislang zum Glück nicht so häufig, doch auch hier hat sich erst trösten und dann gemeinsam weiter sehen bewährt. Und unser "Großer" verlangt ganz selbstbewusst nach einem Kühlpack, wenn es für ihn wirklich notwendig ist .
    Mit Graus denke ich gerade noch an die Mamis, die gleich bei der kleinsten Sache mit Globulis daher kommen. (ohne Globulis bewerten zu wollen!)
    Besonders bereichert mich dein Ansatz zum Umgang mit Blut gerade für Mädchen. Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht.
    Liebe Grüße
    Sternie

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  6. Geradezu stossend finde ich auch die immer wieder gehörte Aussage "so ein blöder/böser Tisch", wenn sich das Kind anstösst.
    Schöner Post. Danke.
    Jasmine (mit damals Heftpflaster liebendem Sohn)...

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Ich freue mich über jeden Kommentar.
Weil dann Statistik-Zahlen zu Menschen werden.
Dank dir.